Was meinst du mit …
Einmal in der Woche bin ich für eine Jugendgruppe und ihre Mitarbeiter engagiert. Um etwas Bewegung in die Hirne und Hände der Jugendlichen zu bekommen, entschlossen wir uns gemeinsam ein Projektidee zu entwickeln und umzusätzen. Drei Montage haben wir mit Brainstorming, Gruppenspielen und sonstigen Methoden gesucht und gefunden: Wir sollten mal wieder den Jugendraum renovieren. Hat er auch wirklich nötig: Kabel hängen lose aus der Wand, ein nunja attraktives Pfirsich-Orange füllt den Raum dezent mit Wärme, der halbe Teppich fehlt, die Möbel sind antik und muffig, es fehlt an einer Gaderobe und Beleuchtung die keine Schlachthausathmosphäre verbreitet.
Zu unserem Team gehört eine Praktikantin aus Rumänien. Sie versteht noch nicht so gut deutsch und ist aus diesem Grund etwas zurückhaltend. Auf dem Heimweg in der U-Bahn folgender Dialog:
Sie: Was meinst Du mit Raum renovieren?
Ich: Siehe ich mache alles neu!
Sie: Was meinst Du mit alles neu?
Ich: Na, eben alles. Neue Farbe, neue Möbel, neues Licht, neuer Boden alles schicki halt.
Sie: Bei uns in Rumänien würden wir den Raum so lassen, er wäre gut. Es ist ein Raum. Die wenigsten Kirchen haben Räume um sich vernünftig zu treffen.
Jemand Drittes: Aber ihr würdet doch den halben Teppich erneuern?
Sie: Nein, dafür ist kein Geld da. Es wäre gut so.
Ich: Erzähl mal!
Sie: In Rumänien verdienen die Menschen 350 Euro im Monat. Das geben sie für Miete und Nebenkosten aus. Der Pastor kann oft nicht bezahlt werden. Letztes Jahr konnten wir nicht Weihnachten feiern, weil die Heizung für unseren Raum kaputt war. Das sind viel elementarere Probleme. In unserer Jugend kommen 50 Leute, aber weil wir keine Mitarbeiter haben, bleiben sie weg.
In meinem Jugendkreis sind wir 5 Mitarbeiter und 7 Jugendliche. Im Januar wollen wir mit unserem Projekt starten. Nach diesem Bericht (er war noch etwas ausführlicher) bin ich innerlich verunsichert. Ist es richtig so viel Geld in den Jugendraum zu stecken? Ich muss das unbedingt mit den Jugendlichen ausdiskutieren. Ist es nicht ein Schlag ins Gesicht für unsere Praktikantin? Auf der einen Seite erlebt sie unseren Wohlstand und auf der anderen Seite die Not ihrer Kirche in Rumänien. Irgendwie fühle ich mich mit meinem Selbstverständlichkeiten sehr in Frage gestellt.
am 10. Dezember 2008 um 22:25 Uhr.
Ich finde die Gedanken richtig und wichtig, auch gerade in der vorweihnachtlichen Advents- (Buße-)zeit. Man sollte sich sowas immer wieder vor Augen halten. (Ich selber mach es auch viel zu wenig.)
Allerdings stellt sich mir dann immer noch die Gegenfrage: Wie bekomme ich “deutsche” Jugendliche in einen “rumänischen” Jugendraum?
am 11. Dezember 2008 um 07:24 Uhr.
@bergemensch: Zu deiner Gegenfrage. In unserem Kontext halte ich eine Rumpelkammer als Raum auch nicht für angemessen. Deswegen wollen wir ja renovieren.
Mir geht es auch nicht um die Frage wie ein Raum sein muss, sondern viel mehr um das Erkennen, wieviel mir Selbstverständlich ist. An diesem Punkt habe ich mich voll ertappt gefühlt.
Ich bin auch sehr dankbar, wenn wir schöne Gemeindehäuser haben mit einer angenehmen und einladenden Athmosphäre.
am 11. Dezember 2008 um 16:50 Uhr.
Das sollte auch kein Vorwurf sein, war nur eine Frage, die ich mir selbst immer stelle.