vorweihnachtliches suchtverhalten
Grade kam mir die Idee (bei einem Telefonat mit Matthias), das das Dekorieren von Wohnungen vielleicht auch mit bestimmten Suchtverhaltensmustern vergleichbar wäre. Die ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) besagt, dass Suchtmittelabhängigkeit dann diagnostiziert werden kann, wenn mindestens drei oder mehr der folgenden Kriterien gleichzeitig zutreffen:
1. Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, ein Suchtmittel zu konsumieren.
2. Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums des Suchtmittels.
3. Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums.
4. Nachweis einer Toleranz: Um die ursprünglich durch niedrigere Mengen des Suchtmittels erreichten Wirkungen hervorzurufen, sind zunehmend höhere Mengen erforderlich.
5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen und Vergnügen zugunsten des Suchtmittelkonsums und/oder erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen.
6. Anhaltender Substanzgebrauch trotz des Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen (körperlicher, psychischer oder sozialer Art).
Ich denke es ist eindeutig. Alle 6 Kriterien treffen zu. Dekorieren hat ein erhebliches Suchtpotential. Also wird es Zeit eine Typologie anzufertigen. Hier also die Beispieltypologie der Dekorationsabhängigen (stark angelehnt an die Typologie von Jellinek zur Klassifizierung von Alkoholkonsumenten.)
Alpha Typ
Beim Alpha-Dekorateur ist das Dekorationsverhalten vorwiegend psychologisch motiviert, d. h. er dekoriert besonders in Streß-, Konflikt- oder Problemsituationen. Mengenkontrollverluste gibt es bei ihm kaum. Im Vordergrund steht die psychische Abhängigkeit.
Beta Typ
Der Beta-Dekorateur (auch Gelegenheitsdekorateur) dekoriert vor allem bei gesellschaftlichen Anlässen, allerdings besteht bei ihm die Tendenz alltäglich solche Gelegenheiten vorzufinden.
Gamma Typ
Beim Gamma-Dekorateur steht – wie auch beim Alpha-Dekorateur – die psychische Abhängigkeit im Vordergrund. Allerdings treten bei ihm gehäuft Kontrollverluste auf. In diesen Phasen verbrauchen die Betroffenen dann derart viel Deko-Material, bis aufgrund vom Schweregrad der Berauschung keine weitere Dekoration mehr möglich ist.
Delta Typ
Der Delta-Dekorateur ist vorwiegend in Regionen anzutreffen, in denen aus sozioökonomischen Gründen (z. B. in der Nähe von IKEA, Bastelshops, etc.) häufig Deko-Material zur Verfügung steht. Starke Berauschungen und Kontrollverluste gehören nicht zum klassischen Bild dieses Typs. Dekorieren um bestimmten Adrenalin-/Endorphinspiegel zu halten, sie fallen selten auf da man sie selten viel dekorieren sieht. Mit der Zeit steigt der Spiegel auf Werte, die für andere Menschen tödlich sein können. Sie sind abhängig, weil sie nur mit Deko-Material funktionieren. Ein sinken des Spiegels führt zu Entzugserscheinungen.
Epsilon Typ
Der Epsilon-Dekorateur ist durch Perioden extrem starken Dekorierens, in denen oft tagelang durchdekoriert wird, und dazwischenliegend oft längeren Phasen des Nichtdekorierens gekennzeichnet.
Der Selbsttest ist ein vertretbares Mittel zur Bestimmung der eigenen Suchtgefährdung.
Haben Sie den Mut, den folgenden Test ehrlich zu beantworten. Solch eine Selbstprüfung ist wirklich nicht einfach, aber sie ist der erste Schritt in ein zufriedenes, selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben. Es beginnt damit, der Wahrheit ins Auge zu sehen, sich nichts schön zu reden und keine Fakten zu ignorieren.
- Leiden Sie an Gedächtnislücken nach starkem Dekorieren?
Ja Nein - Dekorieren Sie heimlich?
Ja Nein - Denken Sie häufig an Dekoration?
Ja Nein - Haben Sie wegen Ihres Dekorierens Schuldgefühle?
Ja Nein - Vermeiden Sie in Anspielungen das Dekorieren?
Ja Nein - Haben Sie nach dem ersten Basteleien ein unwiderstehliches Verlangen weiterzudekorieren?
Ja Nein - Gebrauchen Sie Ausreden, warum Sie dekorieren?
Ja Nein - Zeigen Sie ein besonders aggressives Benehmen gegen die Umwelt?
Ja Nein - Neigen Sie zu innerer Zerknirschung und dauerndem Schuldgefühl wegen des Dekorierenss?
Ja Nein - Versuchen Sie periodenweise völlig abstinent zu leben?
Ja Nein - Haben Sie ein Dekorationssystem versucht (z.B. nicht vor bestimmten Zeiten zu dekorieren)?
Ja Nein - Richten Sie Ihre Arbeit und Ihren Lebensstil auf die Dekoration ein?
Ja Nein - Haben Sie einen Interesse-Verlust an anderen Dingen als Dekoration bemerkt?
Ja Nein - Neigen Sie dazu, sich einen Vorrat an Deko-Material zu sichern?
Ja Nein - Vernachlässigen Sie Ihre Ernährung?
Ja Nein - Dekorieren Sie regelmäßig am Morgen?
Ja Nein - Beobachten Sie einen moralischen Abbau an sich selbst?
Ja Nein - Wurde Ihr Denkvermögen beeinträchtigt?
Ja Nein - Dekorieren Sie mit Personen, die weit unter Ihrem Niveau stehen?
Ja Nein - Dekorieren Sie gelegentlich technische Produkte (Heißklebepistole oder Tacker)?
Ja Nein - Beobachten Sie morgendliches Zittern?
Ja Nein - Wurde das Dekorieren zum Zwang?
Ja Nein - Hatten Sie bereits ein Dekorationsdelir?
Ja Nein
Wenn Sie mehr als vier Fragen mit “JA” beantworten, sollten Sie eine Beratung durch die zuständigen Fachleute wahrnehmen.
So. Noch die üblichen Tipps für die Angehörigen.
* Machen Sie es sich immer wieder bewusst, dass Ihr Partner krank ist und Hilfe braucht.
* Vorwürfe und vergebliche Kontrollversuche sind sinnlos. Sie bringen den Betroffenen nicht zur Einsicht und führen meist nur zu sinnlosen Auseinandersetzungen.
* Lassen Sie sich nicht auf seine vorschnellen Versprechen ein, die er gar nicht einhalten kann.
* Verhalten Sie sich ihm gegenüber konsequent und vermeiden sie alles was ihn davor bewahren kann, seine Lage zu erkennen.
* Drohen Sie ihm keine Konsequenzen an, die Sie gar nicht ziehen wollen.
Und fertig ist der wichtigste Teil. Ich werde wohl noch eine Selbsthilfegruppe aufmachen müssen, regelmäßige Angehörigentreffen organisieren und noch einen schönen Therapieplan entwerfen. Und fertig ist mein Spezialgebiet. Endlich habe ich die Lücke entdeckt.
She is ragin’
And the storm blows up in her eyes.
She will suffer the needle chill
She’s running to stand still.
U2- Running to stand still
am 29. November 2008 um 07:01 Uhr.
Was für ein schöner Morgen. Ich bekenne Angehöriger zu sein und bin offen mich einer systemischen Therapie zu unterwerfen. Bei der Klassifizierung schwanke ich zwischen B, D oder E.
Kannst Du als ebenso Betroffener überhaupt Spezialist werden? Vielleicht bist du Ko-Abhängig?! Obwohl bei der Rheuma-Liga geht das auch.
am 29. November 2008 um 10:22 Uhr.
Ich bin doch nur Angehöriger. Und relativ wenig co-abhängig, da ich nur mal was halten muss (kurz!). Schlimm wird es nur wenn Möbel mit ins Spiel kommen (bei Renovierungen oder Umzügen.) Dann kann ich mich dem nicht entziehen, allerdings denke ich das das noch kein Abhängigkeitsverhalten ist, sondern ein normaler Konsum.
Ist Dekorieren eigentlich stoffgebunden oder nicht? Vielleicht müsste ich im Konzept dann noch was ändern. Mal sehen.
Kurz vorm Einschlafen tauchte bei mir die Frage auf, ob es auch eine Unterbringung nach §64 StGB im Maßregelvollzug geben kann. Konnte mir dann aber keinen Fall konstruieren und bin beruhigt eingeschlafen, da ich dem Problem auf der Arbeit erstmal aus dem Weg gehen kann
.
Persönlich habe ich es eher mit dem Epsilon-Typ zu tun. Obwohl ich manchmal denke, es kippt langsam in den Delta-Typ.
am 29. November 2008 um 12:01 Uhr.
Und dann mein liebstes U2-Lied zitieren für so einen SozPäd-Käse. Das ist doch Perlen vor die Säue werfen.
am 29. November 2008 um 12:49 Uhr.
Es ist nun mal ein Sucht-Lied. Außerdem bin ich kein SozPäd sondern immernoch Fachkrankenpfleger für Psychiatrie.
am 29. November 2008 um 13:40 Uhr.
Maggi, ein wenig konstruktiver könnte es schon sein. Immer diese wüsten Beschimpfungen
. Du, das ist total nicht toll.
am 1. Dezember 2008 um 15:00 Uhr.
“Das ist total nicht toll” ist aber keine Ich-Botschaft. Wenn schon, dann “Du, das empfinde ich jetzt total als nicht toll”.
Okay, dann konstruktiv: Sucht euch doch mal einen anständigen Beruf wie Schiffsschaukelbremser, Rennfahrer oder Finanzbeamter.
am 1. Dezember 2008 um 15:04 Uhr.
@bergemensch: Auch so eine neurotische Berufswahl?!
am 1. Dezember 2008 um 15:05 Uhr.
Gestern hat man im Übrigen meiner Frau eine Kiste mit Dekorationsmaterial aus der Gemeinde vor die Tür gestellt. Toll! Das entspricht jawohl der Aktion, einem trockenen Alkoholiker einen Kasten Bier nach Hause zu liefern.
am 1. Dezember 2008 um 16:21 Uhr.
Und Dipl.-Ing. Informatik ist weniger neurotisch?! Na jedenfalls ist es nerdiger.
In der Selbsthilfegruppe für Angehörige bist Du gerne gesehen.
am 1. Dezember 2008 um 17:38 Uhr.
Dipl.-Inform. bitteschön – wir sind keine Ingenieure, was zum Teil schade und zum Teil beruhigend ist. Und ich habe auch nur aus meinem Hobby einen Beruf gemacht …
am 1. Dezember 2008 um 18:42 Uhr.
Ich sach ja imma – was manche Leute so als Hobby haben ….
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am 7. Dezember 2008 um 23:40 Uhr.
Noch was zum Thema.